Das Zischen ist mir wohlbekannt. Es ist der Zweite Weihnachtsfeiertag und ich komme von einem eigentlich doch sehr dekadenten Mittagessen. Es gab Rouladen, Sauerbraten sowie Rehrücken. Und um den Eindruck eines dekadenten Schnösels noch zu steigern, mach ich mich gerade auf den Weg nach Berlin – mit einem ICE.
Bis vor 5 Minuten stand ich noch in Hamm am Bahnsteig um auf den Zug zu warten. Nun sitz ich gemütlich in meinem Doppelsitz, den ich auch die ganze Fahrt über nicht vor habe zu teilen und höre das erwähnte Zischen. Der Typ direkt im Gang gegenüber hat seine Wegzehrung vor sich aufgebaut und fällt nun über diese her. Es gibt Korn und dazu Felskrone aus der Dose. Doch er bewahrt sich eine gewisse Stilsicherheit, indem er sein eigenes Pinchen dabei hat und seinen Korn immer zuerst in dieses und anschließend in sich schüttet. In einer solch privilegierten Umgebung kann auch ich mein wahres Gesicht zum Vorschein bringen und hole meine eigenen Dosenbiere aus den Untiefen meiner Tasche. Die habe ich in weiser Voraussicht im Hammer Bahnhof organisiert, da ich in knapp fünf Stunden dem restlichen Pack begegnen werde. Und – soweit war mir bekannt – diese hatten schon mittags angefangen Alkohol zu konsumieren. Sowas kann und darf man sich einfach nicht nüchtern antun. Um mich von ungebetenen potentiellen Sitznachbarn abzuschotten hole ich auch gleich meine Reiselektüre heraus. Die folgenden Stunden arbeite ich mich durch „Natural Born Killers“ und mein Bier.
In der Hauptstadt angekommen versuche ich die Anderen telefonisch zu kontaktieren. Diese reagieren aber erst mit Zurückhaltung und beantworten meine Gesprächsanfragen nicht. Irgendwann scheint Ulf Mitleid zu haben und lotst mich von einer Haltestelle zur nächsten bis mir jemand sagt, dass sie sich „selbstverständlich“ in der Milchbar befinden. Die hätte ich auch so gefunden…
Die ominöse Milchbar wurde für alle anwesenden Protagonisten dieses Wochenendes als Basiscamp auserkoren. Während unsere Übernachtungsgastgeber Bönx und Azi an der Theke Bier bestellen, höre ich bereits von der Straße vor dem Eingang aus Ulf krakelen. Wunderbar. Das ist ja wie in der Heimat. Fortan soll das Ziel jedes Abends sein hier einzukehren. Ich mach mich erst einmal mit der Umgebung vertraut und bestelle Astra und Mexikaner. Tut das Not? Ja.
Nach ein paar wenigen Stunden und einer zunehmend geringeren Bonität halten wir auf dem Weg durch Kreuzberg nur noch in einer Kneipe, die vorwiegend von Altherren und Jungassis besucht wird. Dabei ist auch hier das Bier gar nicht mal so günstig. Die inzwischen gut angetrunkene Carolita, einigen bekannt als Drummerin der großartigen Delikat, legt sich mit einem der vermeintlichen Stammgäste an, weil er sich darüber wundert, dass sie (als offensichtliche Muslimin) kein Kopftuch trage. Nur mit zwei Mann können wir sie aus dem Lokal befördern und davon abhalten, dem Kerl eine reinzuhauen. Ich hätte lieber die Schlägerei gesehen. Aber andererseits will ich auch schlafen. Folglich ist mir das sowieso egal.
Ich wache auf der für mich vorgesehenen Matratze auf und mein Schlafsack liegt immer noch in meinem Rucksack. Kein Wunder, dass mir eiskalt ist. Dabei hilft auch nicht wirklich, dass ich mir ein Stück von Fös Schlafsack erobert habe. Er rekonstruiert die zuvor zwischen uns ausgetragene Debatte folgendermaßen. Er: „Hol doch deinen eigenen Schlafsack!“ Ich: „Mach du doch!“ Und damit war ich auch schon moralischer Debattensieger und keiner Widerrede mehr wert.
Nach einem schnellen Einkauf und einem ausreichenden Frühstück machen wir uns auf den Weg. Punk im Pott ist im Exil. Und ich bin hinterher. Gottverdammte Scheiße. Doch warum ist es hier? Eine kleine Zusammenfassung:
Veranstaltergott und Punk im Pott Ikone Alex hat bis zuletzt versucht sein Jubiläum doch noch im Ruhrgebiet zu veranstalten, nachdem das Ordnungsamt der Stadt Oberhausen (mit Hinweis auf die von den Besuchern der Veranstaltung allgemein ausgehende Gefahr) das Fest verbat. Das Eilverfahren, welches dagegen in Gange war und zudem nicht aussichtslos aussah, hätte im möglichen Falle einer Niederlage vor der judikativen Instanz eine zu knappe Frist gewährt, um zu dieser Zeit eine neue Location zu suchen. Deshalb ging er lieber auf Nummer Sicher und suchte bereits provisorisch eine adäquate Vertretung. Diese scheint aber erst in Berlin zu finden gewesen zu sein. Und selbst das schien nicht in trockenen Tüchern. Zwar hatte Alex eine Zusage, doch leider nicht von demjenigen, der die dafür notwendige Kompetenz gehabt hätte. So stand selbst die Ersatzlocation noch wenige Tage vor Weihnachten nicht sicher fest. Aber irgendwie ist es ja doch gut gegangen.
Nach einem anfänglichen Chaos bei der Ausgabe der Bändchen bin ich endlich froh durch die Kontrollen zu sein. Großräumig wird das Gelände durch unsere Freunde (und Helfer) in Grün abgeriegelt. Das eiberäumte Glasverbot wird rigoros umgesetzt. Die Location selbst ähnlich den Turbinenhallen in Oberhausen. Eine alte Fabrik; Beton an Wänden und Boden, die Garderobe wurde wegrationalisiert und die Bühne befindet sich irgendwo am andern Ende. Am Bierstand treff ich gleich ein paar Bekannte aus der Heimat. Also folgt eine obligatorische Begrüßungsrunde. Mit Frank, dem Fahrer der Chefdenker, kann ich draußen in aller Ruhe Bier trinken und mich unterhalten. Hier wird auch gleich der neue Chefbus vorgestellt. Respekt, meine Herren.
Wieder drinnen bauen Pascow bereits auf. Sie hauen mal wieder eine Riesenshow raus. Endlich wird Berlin Kultur nahegebracht. Doch, auch das scheint eine typisch berlinerische Marotte zu sein, an Applaus wird hier gegeizt. Haben vermutlich allzu oft bei Saturn eingekauft.
Zwischenzeitlich kommen die Gebrüder Klein an und dürfen mit uns erst einmal mehrfach anstoßen. Highlight ist aber definitiv die Ankunft von Eisenpimmel. Kaum steht das Auto hört man schon eine sexy versoffene Stimme „Na, sind wir hier in Malle oder was“ schreien. Das lässt auf mehr hoffen.
Im Backstagebereich wird mit der Verkostung der Anwesenden quasi gar nicht aufgehört. Ist die erste Fuhre einmal aufgebraucht kommt direkt heißer Nachschub. Das in den letzten Jahren immer wieder gern aufgetischte Hähnchen musste Bockwürsten weichen aber das Kartoffelgratin toppt alles. Somit kann ich mein Weihnachtsgeld weiterhin in flüssige Naturalien investieren.
Nach einer Zeit stehe ich auf einem Balkon über einem Meer aus bunten Frisuren und bemalten Nietenlederjacken. Weit vorne rangt nur Fös orangener Haarschopf imposant aus der Menge. Drei Mann bereiten sich auf der Bühne vor. Eine nur leicht alkoholisierte Stimme gibt zu bedenken, dass die Menge zu wissen habe, dass sie am besten in ihrer eigenen Kotze schlafen sollte, da diese in den ersten zehn Minuten eine Eingangstemperatur von 36 °C aufweise und danach sowieso alles egal sei und schon sind Knochenfabrik in ihrem Element. Konzerttechnisch hab ich von denen mit Sicherheit schon bessere Tage gesehen, aber umso beeindruckender ist das hin und herdrücken der vielen Menschen vor der Bühne. Unglaublich. Textsicherer als Claus und besser gestylt als Hassan wird hier vom Publikum einiges geboten. Den Hinweis, dass wenn alle in ihrer eigenen Kotze schlafen morgen früh um 6 nochmal Filmriss gespielt wird kriegen nur die wenigsten mit.
Im Backstagebereich versucht Achim mich anschließend zu überzeugen, doch mit ihm nach Oldenburg zu fahren. Da spielen am folgenden Tag Supernichts. Verlockend. Doch Casanovas Schwule Seite plus bereits angetretene Verpflichtungen im journalistischen Bereich lassen mich dieses hochdotierte unmoralische Angebot ausschlagen. Nächste mal, Achim.
Deshalb konzentrier ich mich ab sofort auf die hier gebotene Einblicke in die Untiefen menschlichen Seins. Denn Eisenpimmel sind auf der Bühne. Und die Berliner scheinen die nicht so recht zu begreifen. Der Pott ist also unersetzbar. Auch von ihnen eine passable Show, wenngleich bereits bessere abgeliefert wurden. Dennoch darf eigentlich kein Konzert verpasst werden, da diese immer noch sehr rar sind und sogar die obligatorischen menschlichen Hocker jedes mal einen Brüller bieten, weil sich unwissende Punks auf die Bühne bitten lassen (und vermutlich denken, sie bekommen Bier oder Applaus) und dann als genannte Hocker fungieren dürfen.
Direkt im Anschluss liegen auf dem ganzen Hallenboden Punker in Schlafsäcken eingerollt. Die Fortbewegung durch die schmalen Gassen, die gelassen wurden, erweist sich nicht zuletzt wegen des fortgeschrittenen Alkoholkonsums als schwierig. Ich muss inzwischen geschätzte 15 bis 20 Bier intus haben. Deshalb wundert es nicht, dass ich erst wieder in nem Bus wach werde. Problem: Wo ist Ulf? Und warum bin ich jetzt mit denen hier unterwegs? Bin ich im Gesicht angemalt oder warum werd ich so komisch angekuckt? Antworten gibts aber sofort: Hat mich in der Milchbar gelassen und ist selbst nach Haus. Weil die noch da waren und ich auch. Ja, bin ich.
Wir gehen zu einer gewissen Frau Wolfram. Schöne Wohnung, doch was soll ich hier? Ich sollte lieber schlafen. Also sag ich um Punk 7, dass ich jetzt schlafen werde, mach die Augen zu und wache spät morgens in einer leeren fremden Küche auf.
Leicht irritiert durch die unbekannte Umgebung und verunsichert dadurch, dass ich allein zu sein schein finde ich glücklicherweise in zwei weiteren Räumen zum einen unsere Gastgeberin und zum anderen Fö und die Brüder Klein. Dennoch scheint mein Körper immer noch eine nicht unwesentliche Menge an Alkohol intus zu haben. Ich darf mich also nochmal auf ein richtiges Bett legen. Erst gegen Mittag kommt Leben in die Bude. Die Kleins wollen unbedingt Zwackelmann sehen. Und der spielt schon um kurz nach 2. Wir machen uns also auf den Weg.
Nach einem Zwischenstop im Kaufland und bei der Sparkasse befinden wir uns in einer U-Bahn, deren Waggon scheinbar nur von uns besucht wird. Die andern müssen also doch ganz schön riechen. Mittlerweile steigt auch die Angespanntheit, da es immer wahrscheinlicher wird, dass wir den Gig nicht pünktlich schaffen.
Und so verwundert es nicht, dass bei unserer Ankunft bereits Nonstop Stereo die Bühne erklommen haben und angefeuert durch „Bash!“ Rufe des Kollegen auch zwei Cover dieser Gruppe zum besten geben. Natürlich nur, weil Sänger Frank nun mal diese Hits zuzuschreiben sind.
Die folgenden Stunden sind Bandtechnisch für mich eher uninteressant. Das Rumgekloppe a la Pestpocken und Konsorten kann ich mir auch ohne schlechtes Gewissen aus dem Backstagebereich antun. Sogar Rasta Knast scheinen es nicht wert näher zu kommen. Lediglich die Versorgungsstände der fluiden Produkte sind reizvoll. Somit finde ich mich erst zu Casanovas Schwule Seite auf dem bereits gestern von mir besuchten Balkon mit je einem Bier pro Hand wieder. Wieder mal eine geile Show. Einziger Störfaktor ist ein wichtigtuerischer Security Guard, der den Eindruck vermittelt, dass der Balkon Tabu sei. Nun gut, dann geh ich eben auf die Bühne. Und von da hätte ich eigentlich mehr erwartet. Neben mir steht der Kollege und feiert alles zusammen mit Frank und mir gnadenlos ab. Doch das Publikum ist durch die Lichttechnik so gut wie gar nicht zu sehen. Dafür umso imposanter Caddys Arbeit am Drumset. Mein lieber Herr Gesangsverein.
Bleibt eigentlich nur noch zu erwähnen, dass die angekündigte Überraschungsband Schleimkeim waren und das ich die selbstverständlich nicht gesehen habe. Dafür habe ich miterlebt, wie Claus sich hemmungslos abschießt und dann ein Nickerchen auf einer Bierzeltgarnitur macht. Das kann man mal seinen Enkeln erzählen.
Der Abend endet mit zahlreichen geführten Gesprächen und Debatten sowie einer Fahrt im Taxi nach Haus. Dort wird nur noch ein Bier geknackt und anschließend legen sich alle zum Schlafen nieder.
Als ich am nächsten Morgen erwache, drängen nicht nur die ebenfalls hier übernachteten Kleins zur Fahrt, sondern auch meine innere Uhr. Also Ulf geschnappt und ab zum Bahnhof. Auf dem Weg wird nur noch kurz Proviant eingekauft und kurze Zeit später befinden wir uns im ICE zurück nach Dortmund, in welchem man wunderbar die gesamte Fahrt Radio hören und gleichzeitig schlafen kann.
Mein Fazit lautet, dass das Fest bei weitem nicht an Feste im Pott rankam und es dringend wieder zurück muss, aber das die bandauswahl vermutlich für jeden etwas geboten hat. Ich für meinen Teil hab mein Soll erfüllt und bin froh, noch einigermaßen viel davon behalten zu haben. Es war auch schön, mal Berliner bei nem andern Konzert als dem Force Attack zu treffen. Aber wenn diese ehrlich mit sich selbst sind, hat es ihnen vermutlich nicht so gut gefallen, wie es den Jungs daheim gefallen hätte. Alex macht also alles richtig – wenn das Fest nach dem Fest wieder zurück in seine Heimat kommt.
Nochmals Danke an Alex für die unproblematische Zusammenarbeit. So etwas wünscht man sich gerne öfter…